Die erste zweite und letzte Hälfte

So, jetzt heute doch noch was. Die letzten Tage habe ich mich eigentlich hauptsächlich mit mir selbst befasst, da hatte ich irgendwie keine Lust Blog zu schreiben. Und das, obwohl ich eigentlich Anlässe genug gehabt hätte.


Denn erstmal war die vergangene Woche die so genannte Examenwoche. Das heißt es wurden eigentlich in den "Nebenfächern" die wir jeweils vier Stunden pro Woche haben, ein vierstündiger Test geschrieben. Für mich bedeutete das Mathe und Färöisch. Dann gab's natürlich noch verschiedene Zeiten für die verschiedenen Level, die die einzelnen Fächer haben. Auf dem Weg habe ich dann auch erfahren, dass ich im besseren Mathekurs sitze. Hmmm, merkwürdige Welt. Der Test erinnerte mich stark an Harry Potter: Alle sitzen in der großen Halle (Turnhalle), Einzeltisch, Blickrichtung "vorne". Handys, Ipods und so mussten abgegeben werden, in Mathe durfte ich jedoch Taschenrechner und Formenbuch benutzen, in Färöisch meinen Laptop (also Wörterbuch und Konjunktionstabellen und Autokorrekturprogramm (dass es natürlich für meinen deutschen Laptop nicht auf Färöisch gibt :D). Trotz der vier Stunden war ich dennoch jedes Mal eine Stunde früher fertig und lustig war zu beobachten, dass die Lehrer irgendwie motivierter waren, mir zu einer guten Noten zu verhelfen, als ich es selbst war. Im Groben und Ganzen war es weder sonderlich schwer, noch (nicht mal ansatzsweise) stressig. Die besten Noten erwarte ich dennoch nicht ;)

Auf Grund der Testwoche hatte ich dann also Mittwoch und Donnerstag noch frei, weil ich kein Dänisch und Englisch habe. Freitag war wieder normal Unterricht, wo verkündet wurde, dass wir nächsten Montag auch frei haben :D
Ansonsten war ich noch mit Freunden im Kino (zum zweiten Mal, "Hobbitten" auf dänisch, und "Life of Pi"). Hier werden in der Regel nur Kinderfilme synchronisiert, ansonsten gibt's alle (englischen) Filme mit dänischen Untertiteln, die ich aber inzwischen ganz gut ausblenden kann. Der Kinosaal bietet Platz für 60 menschen (habe ich gezählt!), nach der Hälfte des Films gibt es eine 10minütige Pause, was mich beim ersten Mal total aus dem Konzept gebracht hat. Heute Abend treffe ich mich noch mit der einzigen ebenfalls weiblichen Austauschschülerin hier aus Florida.
Und weil ich keine Lust habe, noch mehr zu schreiben, dachte ich mir, ich lade meinen Zwischenbericht mal hoch. Der ist jedoch recht lang und aufmerksame Leser kennen eigentlich schon alles, aber vielleicht ist es ja eine ganz nette Zusammenfassung, jetzt wo bereits über die Hälfte meines Auslandsjahres vorbei ist.
(Den Bericht
und weitere Bilder gibt's unter "weitere Informationen")
Anfangs war ich sehr beeindruckt von der kalten
Landschaft und der Warmherzigkeit mit der ich aufgenommen wurde. Im Vorhinein
habe ich viel gelesen und mich über die Kultur, die mich erwarten würde,
informiert. Dennoch war es irgendwie ganz anders, als ich es mir vorgestellt
hatte. Die Landschaft hier auf den Färöer-Inseln ist einfach einzigartig. Das
gesamte Land besteht aus baumlosen, schlichten Bergen, die mitten aus dem
Nirgendwo zwischen Nebel und dem Ozean herausragen. Im Grunde kann ich mich
selbst jetzt noch nicht an die Natur hier gewöhnen. Vieles ist einfach zu
schön, um wahr zu sein.
In meinen Vorstellungen hatte ich außerdem nie
die frische Meeresluft, den eisigen Wind und die dunklen Wintermonate im
europäischen Norden eingeplant. Dass es so sauberes Leitungswasser gibt, eine
so genuschelte Sprache, dass sie kaum noch verständlich ist, und eine so
friedliche Stille, hätte ich nie für möglich gehalten.
Inzwischen kommt es mir hier gar nicht mehr so
exotisch vor. Ich habe mich bereits so an meinen Tagesablauf gewöhnt – so dass
es mir völlig normal erscheint. Manchmal fällt mir etwas nur auf, weil ich es
übersehen habe - zum Beispiel schaue ich aus dem Fenster und es regnet bzw.
schneit. Zehn Sekunden später wandert mein Blick wieder heraus und die Sonne
scheint. Aber nicht, dass mich das wundern oder verwirren würde. Das wirklich
irritierende ist, dass es mir erst später auffällt, wenn ich darüber nachdenke,
dass ich nicht darüber nachgedacht habe...
Meistens ist es hier verregnet, grau und
windig. Aber die Leute leben hier in einer völlig anderen Welt. Sie sind
niemals gestresst oder in Eile und lieben ihr Land. Ich fühle, wie ich langsam ein
Teil davon werde. Ich liebe es, im sichersten Land der Erde zu leben, wo die
Menschen weder ihr Haus, noch ihr Auto abschließen, wo das Meer nie mehr als
fünf Kilometer entfernt ist und selbst das ständige Nasehochziehen, weil es
unhöflich wäre, in der Öffentlichkeit ein Taschentuch zu benutzen, stört mich
nicht mehr.
Ich glaube nicht, dass ich mich sehr umstellen
musste, um ein Teil dieser Kultur zu werden. Es war und ist vielmehr Arbeit an
mir und meinem Verhalten. Manchmal kann es etwas frustrierend sein, wenn man
sich sehr anstrengt und das Ergebnis nicht unmittelbar sieht. Aber alles zahlt
sich irgendwie aus, auch wenn ich nicht selten das Gefühl hatte, nicht voran zu
kommen. Alles wurde einfacher, als ich angefangen habe, Färöisch zu sprechen.
Gerade dann ist viel zur Normalität geworden und belustigt konnte ich
feststellen, dass die Unterschiede im Grunde gar nicht so groß sind, wie
anfangs gedacht. Zum Beispiel reden meine Klassenkameraden hier nahezu über die
gleichen Themen wie in Deutschland, in der Familie gibt es dieselben
Diskussionen und dass ich verstanden werde, macht mich viel mehr zu einem
Menschen, nicht mehr nur zur deutschen Austauschschülerin. Aber natürlich ist
nicht alles genau gleich. In den Pausen ist es beispielsweise üblich zu stricken.
Oder das beste Weihnachtsgeschenk das mein fünfjähriger Cousin bekommen hat,
war ein Fischmesser fürs Angeln. Allgemein würde ich sagen, gerade Jugendliche
hier sind nicht so oberflächlich. Man gehört nicht automatisch zu den „Coolen“,
nur weil man die angesagtesten Klamotten trägt. In der Freizeit ist man häufig
draußen, trifft sich auf einen Spaziergang oder einen Kaffee. Viele
Gleichaltrige spielen Fuß- oder Handball, tanzen oder rudern. Ansonsten hat die
Hauptstadt Tórshavn, in der auch ich wohne, mit ihren knapp 13000 Einwohnern
verhältnismäßig viel zu bieten. Es gibt ein Kino, im Winter eine
Schlittschuhbahn, ein Einkaufszentrum und ein mageres, aber immerhin
existierendes Nachtleben.
Inzwischen lege ich viel Wert auf das
gemütliche Zusammensein und familiäre Offenheit. Ich habe gelernt, dass man
sich für nichts schämen muss und bin gleichzeitig viel toleranter geworden. Aber
vor allem habe ich mich selbst weiterentwickelt, dass ich keine Angst mehr
habe, über meinen eigenen Schatten zu springen. Sei es, Fehler beim Sprechen zu
machen oder die Extremen der Kultur auszuprobieren. Ich habe zugesehen, wie die
Schafe in der sich halbjährig wiederholenden Prozedur geschlachtet wurden, habe
am Set einer Filmaufnahme mit der wohl bekanntesten färöischen Sängerin, Eivør
Pállsdóttir, gearbeitet, ohne die Sprache zu verstehen, und gänzlich neue
Gerichte probiert, wie Schafskopf, Walfleisch oder abgehangenes Fisch. Dabei
ist es vor allem nebensächlich, ob man’s am Ende mag, wichtig ist nur, dass man
sich traut.
Aber darüber hinaus gibt es natürliche
Erlebnisse, die ich ohne Zweifel liebe. So habe ich auf dem Schulweg im Meer
die Rückenflosse eines Schwertwals gesehen. Und die Polarlichter, die ich noch
nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Aber auch der enge Zusammenhalt
innerhalb der Familie war etwas Neues für mich. In der Regel sind die eigenen
Familienangehörigen nicht nur gute Zuhörer, sondern können auch weiterhelfen.
Gerade in einem so kleinen und bevölkerungsarmen Land wie auf den Färöer,
findet man auf diese Weise immer nützliche Kontakte. So durfte ich
beispielsweise für meine Tante Familienfotos schießen, weil ich so gerne
fotografiere, einer Cousine gebe ich Deutschunterricht und die Färöischstunden
bekomme ich von den Jüngsten, bei denen ich nicht auf Englisch ausweichen kann.
Ein Onkel nimmt mich mit in die Berge und auf seine Schafsfarm, eine andere
Tante zum Angeln. Dass ich mich so wunderbar mit meiner Gastfamilie verstehe,
hat mir vermutlich auch das schönste Weihnachten meines Lebens zu verdanken.
Ich schwärme noch immer von dem guten Gänsebraten, den zahlreichen
Familienbesuchen und Geschenken von jedem für jeden und natürlich dass ich die
eine, versteckte Mandel im Milchreis hatte!
Im Groben und Ganzen würde ich zusammenfassen,
dass ich es hier mag und ich mehr als glücklich bin. Ich kann jedem, der mit
dem Gedanken spielt ein Auslandsjahr zu machen, nur dazu raten. Und abhängig wo
man ist, lernt man nahezu immer das gleiche über sich, seine Heimat und eine
fremde Kultur. Man lernt einfach viel mehr fürs Leben, als es in meiner
bisherigen Schullaufbahn der Fall war.
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