Freitag, 4. Januar 2013

das besondere Normale

gewöhnlicher Alltag - gewöhnliche Landschaft

Über Alltag, Höflichkeit und Umgangsformen

So, da dieser Blog nicht ständig meine Aussage beinhalten soll "ansonsten ist alles normal hier" und ihr ja im Grunde 'keine Ahnung' habt, was Alltag hier bedeutet, dachte ich mir, ich versuche gerade den mal zu beschreiben. Außerdem gibt's meines Wissens nach in naher Zukunft keine Feiertage mehr, über die ich schreiben könnte :D

Mein Tagesablauf ist eigentlich recht einfach, fast schon eintönig-langweilig, könnte man meinen. Ich stehe gute drei Stunden vor der Sonne auf, gehe zur Schule, die zugegebenermaßen ja nicht allzu überanstrengend ist (wobei ich eine der Jüngsten bin und ja nur halb die Sprache spreche) und anschließend wieder nach Hause. In der freien Zeit treffe ich mich beispielsweise mit Klassenkameraden, mache irgendwas Filmisch/Künstlerisches, lese, lerne, backe, stricke. Und wenn ich wirklich nichts mehr mit mir anzufangen weiß, gehe ich raus und lass die Landschaft auf mich wirken - dass kann einen schon gut beschäftigen.

Gängige Klischees kann ich nur halb bestätigen. Regnen tut es z.B. nicht immer, aber dennoch häufig genug (wie etwa die letzten drei Tage durchgängig). Der hohe Norden ist auch nicht automatisch eisig kalt, was hier dem Golfstrom zu verdanken ist. Das einzige, wirklich unangenehme kalte hier, ist der Wind, der gerne auch mit gemeinen bis gefährlichen Wellen überrascht. Fisch gibt es nicht jeden Tag, das ist im Grunde Familienabhängig. Nämlich von den Berufen und "Haus"tieren. Deshalb gibt's bei mir auch viel Schaf. Die Sprache, das einzige Genuschel, erscheint mir gar nicht (mehr) so rätselhaft und unverständlich. Wahrscheinlich aber auch nur, weil ich mich inzwischen dran gewöhnt habe :)

Ein anderes, schönes Thema sind die Umgangsformen, denn irgendwie habe ich das Gefühl, die Färinger sind viel freundlich und hilfsbereiter. Wenn man z.B. nach dem Weg fragen will (vielleicht ein etwas blödes Beispiel, weil man sich hier einfach nicht verlaufen kann), muss man nicht stundenlang nach einer vertrauenswürdigen Person Ausschau halten. Man kann einfach den nächsten ansprechen und er/sie wird die bestmöglich weiterhelfen.

Und auch das Miteinander unter Freunden und Verwandten kommt mir meiner Meinung nach viel warmherziger vor - und das, obwohl nicht ständig persönlich oder über's Internet die "starken Gefühle" mit Unmengen von Herzen und Küssen unterstrichen werden. Allgemein werden Gesten eher spärlich benutzt. Zum Beispiel umarmen sich Freunde in der Regel nicht zur Begrüßung oder Verabschiedung. Dafür sind Beziehungen hier so tiefgründig, z.B. würde ich behaupten, dass ich zu meinen Freunden hier in drei Jahren wahrscheinlich noch Kontakt haben werde, in Deutschland kann eine Freundschaft nach einer Woche vorbei sein. Etwas anderes, was mir aufgefallen ist, dass man viel liebevoller miteinander umgeht. Wenn sich zum Beispiel jemand auf der eingefrorene Straße hinlegt, richtet man sich nach den Gefühlen des "Gefallenen". Heißt, man lacht und weint gemeinsam. Wenn die Schwester erzählt, dass ihre ersten beiden Stunden auch ausfallen, freut man sich mit und ärgert sich nicht darüber, dass man nun mehr als Einzige den Preis "Langausschlafen" gewonnen hat.

Normal ist auch, dass man immer man selber ist und sich eigentlich nie verstellt. Lieber mehr als weniger, selbst wenn dadurch manches undeutlicher wird. Zum Beispiel, wenn Radio, Fernseher, Telefongespräch und skype gleichzeitig laufen. Dann redet man eben lauter, als auf etwas zu verzichten. Vielleicht liegt das aber auch an der Vorliebe für den technischen Fortschritt hier...

Auch die Höflichkeit unterscheidet sich hier etwas von dem Gewohnten. (Ja, bspw. Höflichkeit oder Humor sind kulturbedingt :)) So ist es etwa unhöflich, sich in der Öffentlichkeit die Nase zu putzen, Tischmanieren werden nicht so eng gesehen und man sagt mindestens dreimal so oft danke (danke für dein Kommen/für's Essen/für heute Abend und am darauffolgenden Tag: für gestern Abend). Wenn mir jemand sagt, mein Färöisch wäre gut, argumentiere ich nicht dagegen, dass es viel besser sein könnte, sondern bedanke mich. Im Gegenzug dazu gibt es in der Sprache jedoch kein Wort für "bitte", was eben inzwischen auch, "besonders normal" geworden ist :)

3 Kommentare:

  1. Ich wollte dir nur mal sagen, dass du eine tolle Art hast zu schreiben. Ich lese sehr gern deinen Blog und werden ihn auch weiterhin verfolgen :)

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  2. Dem Kommentar kann ich nur zustimmen. Ich lese Deine Einträge sehr gerne und habe mich auch auf das Radio-Interview gefreut.
    Vielleicht könntest Du auch Deine Artikel, die Du für den Kölner Stadt-Anzeiger schreibst hier einstellen? Ich kann die Zeitung leider in meinem Ort nicht kaufen und Anfragen an die Redaktion bleiben leider meistens unbeantwortet.
    Ich wünsche Dir noch sehr viele schöne Erlebnisse auf den Färöern, die für mich auch zu einer zweiten Heimtat geworden sind.
    Übrigens: Vielleicht kennst Du es noch nicht; es gibt ein Färöer-Diskussionsforum (www.faroe-islands.de). Vielleicht hast Du Lust, auch dort mal einen Beitrag zu verfassen. Und es gibt einen Deutsch-Färöischen Freundeskreis e.V. (www.faeroeer.eu). Also, weiterhin alles Gute für Deinen Aufenthalt Färöer, nun 2013.

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    1. Gott kvøld og takk fyri! auch wenn's schon etwas her ist, trotzdem noch eine Antwort :) Das Problem mit der Zeitung ist, dass ich zwar monatlich etwas schreibe, die Seite dann aber nur als fertiges Layout in pdf-Datei zugesendet bekomme und nur selten was im Internet zum Teilen erscheint. Leider war ich auch die letzten Male zu beschäftigt gewesen, um mich da rein zu hängen, werde aber mal bei der nächsten Ausgabe (immer letzter Donnerstag im Monat) nachhaken! :)

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